Klimawandel: Berge anmalen

Ein peruanischer Erfinder will einen ehemaligen Gletscher weiß anmalen. Nicht damit er besser aussieht. Sondern um das Eis zurückzuholen und das Weltklima zu verbessern. Die Weltbank unterstützt das Projekt.

Am Anfang haben viele gelacht. Ein Spinner, der Eduardo, hieß es. Was man den Bedenkenträgern auch gar nicht verübeln kann: „Ich male den Berg weiß an“, hatte Eduardo Gold gesagt. Mehr noch: Alle Gipfel in den peruanischen Anden, auf denen mal Schnee lag, will er weiß anmalen. Wer kann so etwas schon ernst nehmen?

Doch der 55-Jährige hat einfach angefangen, weiße Farbe auf den 4756 Meter hohen Chalón Sombrero zu schütten,der einst als Gletscher in der Sonne strahlte. Und er hat inzwischen sogar prominente Unterstützer, die Weltbank etwa und das peruanische Umweltministerium. Denn die weiße Farbe soll nicht nur schön aussehen. Sie soll sogar das Eis wieder zurückbringen und zur Verbesserung des Weltklimas beitragen.

„Paint It White“ nennt Eduardo Gold seine Aktion. Er hat bereits angefangen, Farbe auf den Berg zu schütten Es ist – wenn es wirklich funktioniert – eine ebenso einfache wie geniale Idee: Sonnenlicht, von weißen Flächen reflektiert, wird nicht in Wärme umgewandelt, sondern zu einem Großteil in den Weltraum zurückgestrahlt. Außerdem erhofft sich Gold auch lokale Erfolge: „Wenn die Gipfel der Berge weiß sind, bleiben sie kälter, halten den Schnee länger.“

Die Bewohner der Dörfer am Chalón Sombrero, der rund 100 Kilometer von der peruanischen Stadt Ayacucho liegt, zweifelten nicht lange, als Gold mit seiner Idee zu ihnen kam. Sie sind abhängig von dem Berg, der ihnen einst heilig war und stolz und hell leuchtete. Seit er nur noch braun und dreckig aussieht, ist der Chalón Sombrero für sie quasi ein toter Fels, der ihre Existenz bedroht. Denn weniger Schnee bedeutet weniger Schmelzwasser zum Trinken für sie und zum Tränken der Tiere.

Eduardo Gold ist kein Geologe, kein Wissenschaftler. Er hat einfach Ideen. Schon immer. Mit 13 Jahren etwa baute er einen Benzinmotor, ohne Anleitung. Als er vor zehn Jahren schwer erkrankte, nahm er sich vor, etwas Gutes zu tun, sollte er überleben. Etwas Großes. Etwas Unmögliches. „Es heißt, dass die Gletscher dem Tod geweiht sind“, sagt Gold. „Das wollte ich nicht hinnehmen.“ Er ist sich sicher, dass seine Farbe aus Kalk, Wasser und Eiweißpulver auch schmelzenden Gletschern helfen kann, wenn er die dunklen Steine am Rand der Gletscherzungen weiß tüncht, damit sie sich nicht im Sonnenlicht erwärmen.

So verrückt die Idee klingen mag: Eduardo Gold ist nicht der Einzige, der weiße Farbe zur Klimarettung nutzen will. Barack Obamas Energieminister schlug im letzten Jahr vor, alle Hausdächer und Gehsteige weiß zu streichen. Mit einer groß angelegten Malaktion könne man auf diese Weise so viel CO2 einsparen, wie alle Autos weltweit in elf Jahren ausstoßen.

In Peru sind die Folgen des Klimawandels deutlich zu spüren. In dem Andenstaat liegen 71 Prozent aller tropischen Gletscher weltweit, doch in den letzten 20 Jahren ist ihre Oberfläche um mehr als ein Fünftel geschrumpft. Besonders die Menschen in den Bergen leiden darunter, dass die Sonne brennt und das Schmelzwasser fehlt. Sie müssen lernen, mit dem Wasser zu haushalten, Futtergräser für die Tiere zu trocknen. Längst schult die Regierung die Bevölkerung, legt Wasserreservoirs an.

Viele, die anfangs über Golds „Paint It White“-Idee lachten, sind verstummt, als sich die Weltbank einschaltete. Das Institut zeichnete das Projekt Ende 2009 im Rahmen des Wettbewerbs „100 Ideas to Save the Planet“ aus. Gold ist einer von 26 Gewinnern und bekommt nun 200.000 $ Unterstützung. „Alle Ideen, die dem Klimawandel entgegenwirken können, sind es wert, getestet zu werden“, heißt es nun auch aus Perus Umweltministerium, das zunächst wenig Vertrauen in Golds Projekt gezeigt hatte. „Die Frage ist, ob die Idee in schwer zugänglichen Höhenregionen überhaupt realisierbar ist, wie lange die Farbe hält und wie sie das Ökosystem beeinflusst“, sagt Ana Iju, Klimawandelexpertin der Regierung.

Gold versteht nicht, warum die Fachleute zögern. Die Farbe sei harmlos. Er will nicht mehr nur die Gipfel Perus, sondern so viele Berge wie möglich einfärben, überall auf der Welt, so bald wie möglich. „Noch können wir den Temperaturanstieg bremsen“, sagt er. „Ich will nicht warten, bis es zu spät ist!“

Quelle: Financial Times Deutschland vom 28.06.2010

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