Kleines Mountainbike-Lexikon

Erst die Qual, dann das Weißbier – Im Sommer werden wieder einmal Tausende Menschen ihre teuren Räder in den Bergen spazieren fahren – höchste Zeit, einige Begriffe zum Mountainbiken klarzustellen.

Alpencross (dt.-engl.), der; uralter Trick, um Teile der Apenninhalbinsel zu annektieren. Bereits 218 v. Chr. von Hannibal mit Elefanten praktiziert. Seit den 1990ern von der Mountainbike-Industrie flankierter Versuch, mit Hilfe von Tausenden Radlern das kleine Städtchen Riva am Gardasee zu überrollen. Was in den Sommermonaten meistens klappt. Wird manchmal noch als Alpenüberquerung (veraltet) oder Transalp (bildungssprachlich) bezeichnet.

Bremsschreibe, die; Teil eines hocheffektiven Bremssystems, das allerdings ein undurchschaubares Eigenleben führt. Ahmt zum Ärger des Radlers in den vielfältigsten Pfeif- und Quietschtönen die heimische Vogelwelt nach.

Camelbak, der; Synonym für Trinkrucksack mit integrierter Trinkblase und angekoppeltem Schlauch. Extrem widerspenstig bei Reinigungsversuchen; prachtvolles, transportables Biotop für Kleinstorganismen.

Downhiller (engl.), der; als Ninja-Turtle verkleideter Hasardeur, der nach der Seilbahnfahrt den flowigen Trail mit den Northshores, Wallrides und dem Boneshaker runterschreddert, um am perfekt geshapeten Kicker zu greygorixen, weil die Discbrake blockiert hat.

Eisjöchl, das; mit 2908Metern der Höhepunkt von so manchem –> Alpencross und Endstation mancher –> Qual. Start einer der besten und längsten Trailabfahrten der Alpen. Liegt nur wenige Gehminuten von der Stettiner Hütte (2875Meter) entfernt, deren stark frequentierte Zimmer in manchen Sommernächten ein unvermeidbares Odeur aus –> Gesäßcreme und Schweiß dominiert.

Fully (engl.), das; Abk. für Full-Suspension-Bike. Vollgefedertes Vehikel für 1. –> Downhiller, 2. Weicheier, 3. Technikfetischisten. Laut Experten kosten gute Fullys mindestens 2000 Euro, was maßlos untertrieben ist, weil ein wirklich gutes Fully mindestens 4000 Euro kostet.

Gesäßcreme, die; schmierige Paste zur gewöhnungsbedürftigen Balsamierung des Allerwertesten. Beugt dem Wundscheuern vor. Neben Flickzeug und Getränk wichtigstes Utensil bei längeren Unternehmungen. Kann notfalls auch als Kettenfett verwendet werden.

Heckmair-Route, die; 1. Von Mountainbike-Pionier Andreas Heckmair 1991 ausgearbeiteter –> Alpencross von Oberstdorf nach Riva. 2. Nicht befahrbare und 1938 erstmals von Andreas“ Vater Anderl durchstiegene Kletterroute an der Eiger-Nordwand.

Isarradler, der; Phänomen eines Mountainbikers, der fehlende Leistungsbereitschaft und technisches Fahrkönnen mit unermesslich teurem Material ausgleicht. Überholt mit brachialem Gestus verschreckte Hollandrad-Pensionisten auf flachen Schotterwegen an der Isar. Wird nur vom artverwandten –> Nordlicht als verwegener Bursche angesehen.

Japsen, das; verzweifelter Versuch, den Körper durch unkontrolliertes, stoßweises Einatmen mit Sauerstoff zu versorgen. Hauptsächlich an Steilstücken auftretendes Indiz für Selbstüberschätzung bei der Tourenwahl.

Kettenblatttattoo (dt.-engl.); 1. Wort mit sieben Ts. 2. Zackiger, schwarzer Abdruck des vorderen Kettenblatts auf der Innenseite des rechten Unterschenkels. Kommt häufig vor beim –> Isarradler, der viel in Biergärten herumsteht mit seinem Rad zwischen den Beinen, aus Angst, es würde ihm geklaut.

Liebestöter, der; 1. Modewort zur Bezeichnung von Kleidungsstücken wie Feinripp-Wäsche und langen Unterhosen, die jegliche Sinnlichkeit im Keim ersticken, 2. Synonym für Radlerhose.

Moser, der; Kurzform für die von Elmar Moser Ende der Achtziger konzipierten Bike-Führer. Führt seitdem wegen mangelnder Aktualität gelegentlich zu Wutanfällen unter Käufern – und ist trotzdem häufig noch unschlagbar gut.

Nordlicht, das; beschönigend für Saupreiß‘. In der Ebene sozialisierter Hobbybiker mit einem geradezu fiebrigen Faible für technische Details. Gern gesehener Kunde der Radindustrie. Startet im Tal verdammt gut aussehend und voll motiviert, kommt oben aber völlig fertig oder gar nicht an.

Oberschenkel, der; mehr oder weniger muskulöser Körperteil von der Hüfte bis zum Knie und wichtiger als jeder technische Schnickschnack. Wächst am Ende der Saison auf Brustumfang an. Kann wie die Waden leider verkrampfen.

Powerbar (engl.-werbl.), der; Synonym für den offiziellen Energieriegel des Mountainbikers. Ein P. gibt mit etwa 200 kcal unwesentlich mehr Power als die gleiche Menge an Spaghetti oder zwei mittelgroße Bananen, enthält dafür aber kryptische Zutaten wie Glukosesirup, Sojaproteingebäck, Invertzuckersirup, Molkeneiweiß, Maltodextrin, Sojalecithine, Polyglycerin-Polyricinoleat.

Qual, die; essentieller Bestandteil eines jeden längeren Anstiegs. Steht in direktem Zusammenhang mit dem inneren Schweinehund, der es als ideologisch belasteter Begriff nicht in dieses Lexikon schafft. Wird nur durch die Aussicht auf ein –> Weißbier erduldet.

Reparatur (dt.), die; bei Hobbybikern im Jahresrhythmus auftretendes Ärgernis, das nicht einmal die Aussicht auf ein Weißbier schmälert. Gemeinhin wird die R. von vielen als Fahrradfachgeschäft bemäntelten Werkstätten entweder verweigert, unzureichend und/oder völlig überteuert durchgeführt.

SPD (engl.), das; 1. Abk. für Shimano Pedalling Device. Spezielle Klickvorrichtung, um die Radschuhe in der Pedale zu verankern, was bei SPD-Novizen zu kuriosen Stürzen führen kann. 2.Abk. für deutsche Partei mit Identitätskrise, für die der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer Rudolf Scharping einmal Kanzler-Kandidat spielen durfte.

Schieben, das; für wahre Mountainbiker um jeden Preis zu vermeidender Ausdruck der Kapitulation gegenüber dem Berg. Letzter, wirklich allerletzter Ausweg.

Tacho (dt.-griech.), der; Kurzform für Tachometer, veraltet für Bike-Computer. Hat sich vom Geschwindigkeitsanzeiger zum Multifunktionsgerät entwickelt. Ein guter T. misst heute unter anderem Höhe, Steigung, Temperatur, Puls, Geschwindigkeit und die Trittfrequenz. Kostet dafür beinahe so viel wie ein iPhone. Ist sicher bald mit Internetanschluss und Videofunktion erhältlich.

Umwerfer, der; enorm wichtiges Schaltelement, das die Kette auf die verschiedenen Kettenblätter zieht und drückt. Kann den Mountainbiker wie –> Moser zur Weißglut treiben, weil zweitklassige U. insbesondere an Steilstücken den Dienst quittieren.

Vordermann, der; Mountainbikekompagnon mit altem Fahrrad, aber unverschämt guter Kondition. Entwickelt sich mit jedem Höhenmeter zum Feindbild, das es einzuholen gilt.

Weißbier (bair.), das; isotonischer Lohn für die –> Qual und heiliger Gral aller nicht zu asketisch veranlagten Mountainbiker. Schmeckt überragend am –> Eisjöchl. Kann bei noch bevorstehenden Abfahrten auch alkoholfrei oder gemixt mit weißer Limonade als sogenannter „Russ““ eingenommen werden.

XTR (engl.), die; ominöse Bezeichnung für hochwertige Fahrradkomponenten wie Schaltwerke, Kettenblätter, Kurbeln. Angeblich besser und leichter als die XT-Ausstattung, die wiederum der LX vorzuziehen ist. Kann dem Laien aber wurst sein, weil er den Unterschied sowieso nur im Geldbeutel spürt.

Yoga, das; wird seit einiger Zeit von Hotels und Veranstaltern im Paket mit Mountainbiken angeboten, was endgültig beweist, dass man sich eine andere Sportart suchen sollte, um den Konformisten aus dem Weg zu gehen.

Zoll, der; 1. Alte und vor allem im englischsprachigen Raum genutzte Maßeinheit. 2,54 Zentimeter. Dient heute noch der Angabe von Fahrrad-Rahmengrößen. 2. Noch vor Zeiten von –> Heckmair und –> Moser zu leistende Abgabe an Ländergrenzen im Alpenraum.

Zusammengestellt von Dominik Prantl und Hans Gasser

Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.108, Mittwoch, den 12. Mai 2010 , Seite 72

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